
Villa Worch / Kulturhaus Centre Bagatelle. Wer heute die Villa an der Zeltinger Straße 6 betritt, spürt sofort, dass dieses Haus mehr ist als ein Gebäude. Es ist ein Ort, der fast ein Jahrhundert Geschichte in sich trägt. Geschichte von Aufbruch, Wandel, Macht, Kultur und schließlich Begegnung.
Alles beginnt 1925/1926, als der Architekt Paul Poser gemeinsam mit Bernhard Bamm für die Berlinerin Martha Worch und ihren Mann, den Versicherungsgeneraldirektor Hermann Worch, einen besonderen Wunsch erfüllen soll: ein Zuhause, das zugleich repräsentativ und familiär ist. Poser löst diese Aufgabe mit einem Kunstgriff. Er setzt zwei eigenständige Häuser aneinander. Zur Straße hin ein elegantes, neoklassizistisches Gebäude, zum Garten ein warmes, fast ländliches Berliner Landhaus. So entsteht ein Bau, der zwei Welten vereint und bis heute seinen besonderen Charakter bewahrt.
Die Familie Worch lebt nur wenige Jahre hier, bevor die Villa neue Besitzer findet. 1940 übernahm die NSDAP das Haus für ihre Ortsgruppenleitung, eine dunkle Phase, die das Gebäude jedoch überstand. Nach dem Krieg zogen erst die Sowjets, dann die Briten ein. 1946 schließlich fällt die Villa an die französische Besatzungsmacht, die sie in ein Offizierskasino verwandelt. Doch aus dem Ort militärischer Geselligkeit wird bald etwas Größeres: Ab 1950 öffnen die Franzosen das Haus als Kulturhaus für die Menschen in Reinickendorf, ein frühes Zeichen der Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland.
Mit dem Abzug der französischen Streitkräfte 1995 ging die Villa zurück an den Bezirk Reinickendorf. Und 2005 beginnt wieder ein neues Kapitel: Der neu gegründete gemeinnützige Verein Kulturhaus Centre Bagatelle e.V. übernimmt das Haus und führt die kulturelle Tradition fort: mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Kursen und Begegnungen, die das Gebäude wieder mit Leben füllen. Heute ist die Villa ein öffentlicher Ort, an dem Geschichte spürbar bleibt, ohne zu beschweren. Ein Haus, das Wandel kennt und dennoch seine Seele bewahrt hat.
Ausführlicher Text
Villa Worch (heute: Kulturhaus Centre Bagatelle)
Baujahr 1925/26, Architekt: Paul Poser (1876 – 1940).
Alles beginnt 1925/1926, als der Architekt Paul Poser gemeinsam mit seinem Compagnon Bernhard Bamm für die Berlinerin Martha Worch – als Bauherrin – und ihren Mann, den aus Kassel stammenden Generaldirektor der „Deutsche Herold Versicherungsgesellschaft“, Hermann Worch, einen besonderen Wunsch erfüllen soll: ein Zuhause, das familiär und zugleich repräsentativ ist. Poser löst diese Aufgabe mit einem Kunstgriff. Er setzt zwei eigenständige Häuser aneinander. Zur Straße hin ein elegantes, neoklassizistisches Gebäude, zum Garten ein warmes, fast ländliches Berliner Landhaus. So entsteht ein Bau, der zwei Welten vereint und bis heute seinen besonderen Charakter bezeugt.
Die Familie Worch lebt nur wenige Jahre hier, bis die Villa neue Besitzer findet. 1940 übernimmt die NSDAP das Haus für ihre Ortsgruppenleitung. Diese dunkle, im Weltkrieg endende Phase, übersteht das Gebäude unbeschadet. Nach dem Krieg ziehen nacheinander drei der vier Alliierten ein: erst die Sowjets, dann die Briten und ab 1946 die Franzosen. Diese nutzen das attraktive Gebäude als Offizierskasino. Aus dem Ort militärischer Geselligkeit machen sie bald etwas Größeres: Ab 1950 öffnen sie, angeleitet durch den Hauptmann und Wirtschaftsjuristen Charles Corcelle, das Haus als Kulturhaus für die Menschen im Berliner Norden: ein frühes, nachhaltiges Engagement für Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Sie leiten den Wandel vom privaten Wohnhaus zum öffentlich genutzten Gebäude ein. Hierfür treffen sie erste Umgestaltungen im Inneren und markieren mit einem kleinen Fensterrondell am Salon ihre Anlehnung in der Namensgebung „Bagatelle“ an ein Schlösschen im Bois de Boulogne bei Paris.
Mit dem Abzug der französischen Streitkräfte 1995 geht die Villa an den Bezirk Reinickendorf mit der Auflage, diese weiterhin als Kulturzentrum und für die Fortentwicklung der französisch-deutschen Freundschaft zu erhalten. Reinickendorf nimmt nicht nur den Kulturbetrieb auf, sondern holt weitere Nutzergruppen ins Haus (u.a. Kindergarten, Musikschule, Seniorenverein, Kunstverein). Unter neuerlicher Anpassung des Gebäudes im Innern für Veranstaltungszwecke beginnt 2005 ein weiteres Kapitel: Entgegen einem allmählichen Niedergang des Kulturbetriebes seitens des Bezirks gründen engagierte Bürger: innen aus Frohnau und den umliegenden Ortsteilen den Verein Kulturhaus Centre Bagatelle e.V. Dieser erwirbt das Haus und führt die kulturelle Tradition fort: mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Kursen und Begegnungen. Sie füllen das Gebäude von Neuem mit Leben, getragen von vielfältigem ehrenamtlichem Engagement. Heute ist die Villa ein offener Ort, der Geschichte spürbar hält, ohne zu beschweren. Ein Haus, das Wandel kennt und dennoch seine Seele bewahrt. 1997 wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Im letzten Jahr wurde sie 100 Jahre alt – und gebührend gefeiert.